Hochinnovativ und am Puls der Zeit: die Gewinner des 10. Oppenheim-Förderpreises für MS

PD Dr. med. Veit Rothhammer, Klinikum rechts der Isar der TU München, überzeugte in der Kategorie „Präklinik“. Gliazellen spielen als ZNS-residente Immunzellen eine zentrale Rolle in progredienten MS-Stadien. In Vorarbeiten entdeckte seine Arbeitsgruppe den Transforming growth factor alpha (TGF-α). Er wird von Mikroglia sezerniert und wirkt in Tiermodellen der MS gewebsprotektiv. In chronischen Stadien der Entzündung verringert sich seine Expression jedoch, was zur Krankheitsprogression beitragen könnte. Vor diesem Hintergrund wird auch die Rolle von DNA-Methyltransferasen untersucht. Deren Aktivität in Mikroglia führt zu einer Methylierung des Tgfa-Promoters und damit zur Inhibierung der Expression von TGF-α, was zur Krankheitsprogression in progredienten Stadien beitragen könnte. Die Untersuchungen am EAE-Mausmodell sollen neue Einblicke in die Pathomechanismen progredienter MS-Stadien liefern und TGF-α sowie DNA-Methyltransferasen als therapeutische Targets evaluieren. Neben der MS könnten die Daten auch für andere primär neurodegenerative Erkrankungen wie Morbus Alzheimer oder Morbus Parkinson relevant sein. Das Gremium lobte die konsequente Fortführung der Vorarbeiten und die innovative Technik. Der zukunftsträchtige Ansatz mit Ausblick auf klinische Anwendung sei zudem nicht auf die Grundlagenwissenschaft beschränkt und liege mit dem Fokus auf der epigenetischen Regulation am Puls der Zeit.

In der Rubrik „Klinik“ votierte die Jury für das Projekt von PD Dr. med. Lucas Schirmer, Neurologische Klinik der Universitätsmedizin und Medizinischen Fakultät Mannheim. Ziel seines Projekts ist die Untersuchung zelltyp-spezifischer und molekularer Pathomechanismen im Rückenmark von MS-Patienten, da hier noch wesentliche Wissenslücken im Krankheitsverständnis bestehen und das Rückenmark häufig von der Krankheit betroffen ist. Neben progredienten neuronalen Schädigungsmustern zeigen sich auch deutliche, durch die Entzündung bedingte Veränderungen in den nicht-neuronalen Gliazellen (Mikroglia, Oligodendrozyten und Astrozyten). Bisher erzeugte Daten aus gefrorenem Autopsie-Hirngewebe legen Schlüsse auf eine selektive Degeneration bestimmter neuronaler Subtypen nahe. Die Arbeitsgruppe entwickelte eine Einzelzellkern-RNA-Sequenzierungsmethode (snRNA-seq) zur Untersuchung der zelltyp-spezifischen Genexpression in Nerven-, Immun- und Gliazellpopulationen im Gehirn von MS-Patienten. Diese Techniken sollen nun auf spinale Läsionen ausgedehnt werden. Ergänzend soll eine epigenetische Einzelzellkern-Sequenzierungsanalyse („open chromatin sequencing“) zur Bewertung zelltyp-spezifischer regulatorischer Genveränderungen erfolgen. Letztlich könnte die kombinierte Untersuchung helfen, neue Biomarker und zelltyp-spezifische Zielstrukturen bei der MS zu identifizieren, was – weitergedacht – eine präzisere und personalisierte Therapieauswahl bringen könnte. Durch einen Vergleich der humanen Sequenzierungsdaten mit korrespondierendem Gewebe aus dem MS-Mausmodell EAE (Experimentelle Autoimmune Enzephalomyelitis) wäre die Durchführung funktioneller präklinischer und patientennaher Studien sowie die Entwicklung verbesserter präklinischer Modellsysteme möglich. Die Jury begeisterte der hochinnovative Forschungsansatz mit humanen MS-Proben, der sich nicht nur auf MS beschränkt, sondern auch auf weitere Erkrankungen anwendbar ist. Zudem würdigte sie die hohe Publikationsleistung des Preisträgers mit dem kürzlich veröffentlichten Artikel in der Zeitschrift NATURE.

Die Gewinner des 10. Oppenheim-Förderpreises für MS

Bildquelle: © Novartis Pharma GmbH

Bildunterschrift: Vorne mit Urkunde: Preisträger Klinik PD Dr. med. Lucas Schirmer, Mannheim, und Preisträger Präklinik PD Dr. med. Veit Rothhammer, München. Für das Kuratorium Prof. Dr. Dr. Sven Meuth, Münster (4.v.l.) sowie die Vertreter des Unternehmens Novartis (v.l.n.r.) Vera Giraud, Karoline Wünsche, Dr. Simone Hiltl, Medical Franchise Head Neuroscience, Dipl. med. Anne-Kathrin Adloff und Dr. Sandra Pleiser, Group Head Medical Scientific Management Neuroscience.

 

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